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Unangenehm

... Wien – die europäische Stadt mit dem größten Charme, Europas größer Konsumtempel, hastende Menschen von der Badener Bahn hin zum SCS in Vösendorf, eine schmale Unterführung, durch die alle kommen müssen. Schieben, Drängen, missgelaunte Menschen, es riecht unangenehm stechend nach Urin, an den Wänden schmutzige Graffitis, Farbschichten mehrfach übereinander.
Ein Mann undefinierbaren Alters - am Boden im Durchgang sitzend, er lehnt mit dem Rücken an der Wand, die Beine hat er nach vorn ausgestreckt, so dass die schiebende, drängende Menge zumindest zur Hälfte über seine Beine steigen muß.
Alte, zerrissene, ehemals wahrscheinlich schwarze Turnschuhe – Farbe bleibt unklar, Hose hoch gerutscht, Beine schmutzig, viele aufgekratzte Stellen, das linke Bein mit einem sichtbaren, offenen Geschwür, verdreckte Sachen, Bart, der Mann sehr ungepflegt. Er sieht scheinbar vor sich auf den Boden mit halb geschlossenen Augen. Neben seinen Beinen liegt eine Mütze, die Öffnung nach oben, daneben ein Schild, auf einem grob ausgerissenen Stück Papier handgeschrieben: „Danke“.
Die Menschen in der Reihe vor mir versuchen über seine Beine zu steigen, ohne ihn zu berühren, nach der von hinten zu sehenden Körpersprache eher um ihre eigene Sauberkeit bemüht.
In der Menge gehend werde ich auf ihn zugeschoben, es ist mir unangenehm, ist er mir unangenehm,  obwohl ich ihn doch hier und heute zum ersten und wahrscheinlich auch zum letzten Mal sehe?
Was ist mir unangenehm?
Ist es der Mensch, der dort sitzt? Seine offen zur Schau gestellte Armut, von der ich mich provoziert fühle? Ist es die Ahnung, dass auch ich über seine Beine hinwegsteigen werde? Soll ich etwas in seine Mütze werfen um mein Gewissen zu beruhigen? Blitzartig fallen mir die vielen Bemerkungen über Bettler und deren vermeintliche Tricks ein. Es ist mir unangenehm, aus meiner Hosentasche Geld zu nehmen, es ist mir unangenehm es in die Mütze zu werfen. Werfen möchte ich es gleich gar nicht, wenn überhaupt, dann muß ich mich bücken und das Geld hineinlegen. Sobald ich mich bücke, werden es die anderen um mich herum wahrnehmen, die nichts in seine Mütze werfen .....
Ich überlege fieberhaft, wie ich der  Situation ausweichen kann. Neben mir, hinter mir, vor mir gehen Menschen, ich kann nicht ausweichen, aber ich könnte es doch, wenn ich Andere zur Seite dränge. Ist es mir auch unangenehm Gehende zur Seite zu drängen, um nicht über den am Boden Sitzenden hinwegsteigen zu müssen?
Unmittelbar vor mir nähert sich ihm eine Frau mit einem Kinderwagen – er zieht ohne den Kopf auch nur eine Spur zu drehen die Beine ein, sie geht vorbei, sieht ihn an, er lächelt leicht ... und streckt die Beine direkt vor mir wieder aus, mich hemmend, mich fordernd.
Neben ihm liegt seine Mütze, davor das Stück Papier mit „Danke“, ich fühle mich beschämt, provoziert, ärgerlich, dass er mir diese Konfrontation, mit der ich nicht umgehen kann, nicht erspart, drücke mich um seine Beine herum, nicke ihm zu, versuche ein Lächeln, merke selbst wie verkrampft ich bin – und helfe der Frau mit dem Kinderwagen die Treppe hinauf.... Ob es mein Gefühl beruhigt?

Aber warum hätte er gerade mich schonen sollen? In Wien, in der europäischen Stadt mit dem größten Charme.

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