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Panta rhei - alles fließt.

Πάντα χωρεῖ καὶ οὐδὲν μένει“,  - „Alles bewegt sich fort und nichts bleibt.“



Ich ertappe mich immer häufiger, dass mich in bestimmten basalen Situationen nahezu philosophische Gefühle überfallen, selbst beim Laufen einer Spülung, alles scheint im Fluß.

Inzwischen weit über die Mitte meines Lebens hinausgekommen bewegen sich meine Gedanken immer häufiger in der Reminiszenz dessen, was ich bisher erlebt habe. Vielleicht ist es eine Form von Narzissmus oder Selbstmitleid, wenn man merkt, dass die eigene soziale Bedeutung als 'Alter' von ganz allein in den Keller abrauscht. 

Letztens auf der Autobahn: Ich lasse mein Auto mit Tempo 150 - fast - autonom über die Autobahn cruisen. Interessant ist dabei die Wortherkunft, hier laut wikipedia:

"Cruisen (engl. to cruisedt. „fahren, kreuzen“) ist ein Lehnwort für ein ursprünglich in den 1950er Jahren unter US-amerikanischen Teenagern entstandenes Freizeitvergnügen, bei dem man mit einem Automobil langsam an von vielen Passanten frequentierten Orten (Strand etc.) entlangfährt. Dabei geht es um die Darstellung des eigenen sozialen Status und meist auch um das Finden von Sexualpartnern."

Ich überlege, wie man beim Cruisen auf der Autobahn einen Sexualpartner finden soll, nun ja.

Sei es, wie es sei. Auf jeden Fall cruise ich mit Tempo 150 über die Autobahn A4, im linken Außenspiegel erscheint ein dunkler Schatten ein VW Polo kämpft sich heran. Ein Blick zur Seite, das Lenkrad bedient neben einem Handy am linken Ohr und einer Zigarette in der rechten Hand, eine junge Frau. Daneben lümmelt ein junger Mann auf dem Beifahrersitz. Langsam, ganz langsam, Zentimeter um Zentimeter schieben sie sich vorbei, dahinter bildet sich eine kleine Schlange. Möglicherweise erwarten sie, dass mein Tempomat dies erkennt und die Geschwindigkeit verringert, was er nicht tut, und der junge Mann sieht sich genötigt mit entsprechenden Signalen zu arbeiten. Seine relaxte Haltung gibt er schließlich auf, er spricht auf die Wagenlenkerin ein, zappelt herum und wenn ich mich nicht sehr täusche formen seine Lippen den Begriff: "Alter Trottel". Geschätzt zwei Kilometer weiter sind sie vorbei, er läßt die rechte Seitenscheibe herunter und zeigt mir beim sehr kurzen, schnippisch anmutenden Einscheren vor mir triumphierend aus dem Fenster den "Stinkefinger". 

Nicht erkennen kann ich, ob die Fahrerin inzwischen das Telephonat beendet hat. Die Zigarettenkippe schmeisst sie im gleichen Moment aus dem Fenster, in dem mir ihr Sozius den 'Stinkefinger' angedeihen läßt. Eine Sexualpartnerin habe ich wohl bei meinem Cruisen nicht gefunden, zumindest zeigt sie es nicht.

So ändern sich die Zeiten, vor 30 Jahren wäre wahrscheinlich ich auf der linken Spur gewesen, hätte mit meinem rechten Fuß die Bodenplatte unter dem Gaspedal durchgedrückt und mit der rechten Hand verzweifelt und vergeblich den nächsten Gang gesucht. 

Damals zeigten wir allerdings noch keinen Stinkefinger, wir tippten uns lediglich mit dem Zeigefinger mehrfach an die Stirn und v.a. saßen als Jungs nicht auf dem Beifahrerplatz.


Panta rhei, alles fließt.


Heraklit, Ölgemälde von Hendrick ter Brugghen (1628)







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