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Der fast Kahle von Kampehl


Es gibt so Dinge, die schleppe ich gedanklich schon sehr viele Jahre mit mir herum. 
So auch die Ortsbezeichung „Kyritz an der Knatter“. Als Kinder wollten wir uns halbtot lachen, “Kyritz an der Knatter“.
Heute werden wohl nicht mehr allzuviele Kinder die Ortsbezeichnung schon einmal gehört haben, sie kennen eher Malle, die Azoren, Domrep oder die Malediven. Und die Kinder, die das nicht kennen, sagen es nicht und tun so, als wären auch sie dort mehrfach jährlich zu Hause.
Die Urlaubsgestaltung hat im Lauf meines Lebens eine erstaunliche Wendung genommen.
In meiner Kindheit spielte Urlaub überhaupt keine Rolle. Meine Eltern hatten sehr wenig Kohle, meine Mutter war nur selten weg, als Näherin erledigte sie ihre Arbeit zu Hause. Die einzigen größeren Ausflüge des Jahres fanden an den Tagen statt, an denen sie ihre fertige Arbeit lieferte. Sie fuhr dann mit mir in die Stadt, mit dem Bus, ein Auto gab es nicht. Über dem Arm hatte sie die in ein Bettlaken eingeschlagenen Kleidungsstücke, meist waren es schwere Mäntel, ich trottete mehr oder weniger lustlos neben ihr her. Auf dem Rückweg hatte sie dann einen großen Beutel mit zugeschnittenen Stoffen zu tragen, aus denen sie in den nächsten 14 Tagen wieder Mäntel zauberte. Damit begann der Kreislauf von vorn. In der Stadt sah ich in den Schaufenstern Dinge, die es auf unserem Dorf nicht gab, Spielzeuge, Kleidung und einen Laden für Musikinstrumente. Sie blieben für mich unerreichbar. Gern hätte ich ein Instrument gelernt, die Familienkasse gab es nicht her.
Später kam dann ein Fahrrad, später mehrere Fahrräder dazu, die uns zumindest geringfügig flexibel machten. Ein Motorrad, welches nur zwei Sitze hatte, wir waren aber drei, später als Riesenerrungenschaft das erste Auto, einen sichtlich gebrauchten Ford Eifel, eines der ersten Nachkriegsmodelle.
Der Ford war ein tolles Exemplar, rundgelutscht wie eines der damals üblichen steinharten Bonbons nach 2 Stunden im Mund. Außen in einem unbeschreiblichen Türkiston gehalten, innen vier Sitze, vorn geteilt, dazwischen ein riesenhafter Schaltknüppel, der beim Betätigen lautere knallende und knackende Geräusche als die Hupe von sich gab. Das Armaturenbrett aus einem Guss, ein glattes Brett, in dem es drei Unterbrechungen gab, der Tacho, der seltsamerweise keine Kilometer, sondern Meilen anzeigte, einen Schalter, den man nach rechts oder links bewegen konnte und der damit einen Winker außen aus dem Türholm aus- oder einklappen ließ, der den heutigen Blinker ersetzte. Als einzigen Luxus eine Uhr in Form eines Weckers, aber die war kaputt und wurde nie repariert. Die Rückbank im Fond war sehr eng, knochenhart und mir vorbehalten. Heute vermute ich, es war nur ein Brett mit etwas Stoff darüber.
Dieses Gefährt, ein Viertakter, um das uns viele Nachbarn beneideten, machte uns als Familie erstmals etwas mobil, in bescheidenem Maße. Es war der Spritverbrauch, der unseren Radius einengte. Das Auto soff Bezin, wie unser Nachbar namens Nack das Bier, kräftig und literweise, so um die 20 Liter auf 100 Kilometer. Damals kostete der Liter auch schon um die 1,50 Mark, gute Ostmark wohlgemerkt, bei einem Durchschnittsverdienst von eine paar hundert Mark pro Monat. Ein „Ausflug“ von sagen wir nur hundert Kilometer, schlug dann mit rund 30 Mark allein für Benzin zu Buche, eine Ausgabe, die nur im Ausnahmefall zu tätigen war.
Der Radius der Urlaubsreisen war somit von Anfang an limitiert. Entweder nahm man die Bahn, die war voll, unbequem, unpünktlich, meist auch unsauber, also genau wie heute, nur noch enger. Oder man suchte sich einen Urlaubsort im Land, der nicht allzuweit entfernt war, unD das war für uns, in Thüringen wohnend, in der Regel der Thüringer Wald.
Zum Glück bewahrte uns die inzwischen gut gesicherte „Staatsgrenze West“ vor weiterreichenden Urlaubswünschen, die damals sonst auch Italien oder Spanien gewesen wären.
In einem alten Buch mit altdeutscher Schrift, ob seines Alters muffig riechend, hatte ich über Kyritz an der Knatter und einen Ritter Kahlputz gelesen. Niemand in meiner Klasse kannte den Ort, den Kahlputz schon garnicht, und so fragte ich in einer Deutschstunde unsere Lehrerin. Sie tat wissend, aber ich vermute, auch sie kannte Kyritz an der Knatter nicht und auch nicht den Kahlputz. Sie verkündete nämlich mit bedeutungsschwerer Miene, dass das heute so gar nicht in den Stoff passe, sie würde uns aber morgen Auskunft geben. Am nächsten Tag hatte sie sich belesen und berichtete über den mumifizierten Ritter Kahlputz, der in einer Gruft in eben diesem Ort Kyritz an der Knatter liege. Sie konnte das so beeindruckend und blumig erzählen, dass wir alle annahmen, dass sie täglich bei und mit dem Kahlputz ein- und ausginge oder zumindest mit ihm besonders nahe verwandt sein mußte.
Heute bin ich enttäuscht von meiner Lehrerin.
Der Kahlputz heißt nämlich nicht Kahlputz, sondern laut Kirchenbuch Kalebuz, Christian Friedrich von. Gelebt hat er von 1651 bis 1702 und hatte damals schon einen so modernen Namen, nur würden wir ihn heute mit Bindestrich schreiben und der Familiennamen wäre möglicherweise Kalebuz-Müller.


Mumifiziert ist er, keine Frage und keine Sau weiß warum dies so ist. Er ist weder einbalsamiert, noch sonst irgendwie nach seinem Tode haltbar gemacht worden, er ist einfach in seinem Eichensarg nicht verrottet. Die Pharaonen wurden nach ihrem Tod behandelt und nach einem speziellen Verfahren eingewickelt und damit irgendwie haltbar gemacht. Lenin wurde, weshalb auch immer, einbalsamiert und dann unter Luftabschluß der Nachwelt erhalten.
Kalebuz tat dies - entgegen aller Logik - von allein. Nun besagt die Mär, er habe vor Gericht einen Meineid geleistet, als man ihn des Mordes an einem der vielen von ihm Gehörnten bezichtigte. Vor Gericht soll er gesagt haben: „Wenn ich doch der Mörder bin gewesen, dann wolle Gott, soll mein Leichnam nicht verwesen.“ Nun hat er den Dreck und der alte Knabe liegt da rum, allerdings frage ich mich, weshalb er vor Gericht in Reimform gesprochen haben soll?
Ach so, Stichwort ‘rumliegen’.
Enttäuschenderweise liegt der Kalepuz nicht in Kyritz an der Knatter rum, wie meine Lehrerin behauptet hatte, dort habe ich ihn vergebens gesucht und die Eingebohrenen, die ich erwartungsvoll nach ihm fragte, schienen ihn noch nie getroffen zu haben. Er liegt nicht in Kyritz an der Knatter. Der alte Knochen liegt einige Kilometer entfernt in der Wehrkirche in Kampehl, einem kleinen Ort.
Finden kann man ihn trotzdem, nur Liam ist enttäuscht, dass es einerseits kein ägyptischer König ist der dort liegt und andererseits nicht mit Klopapier umwickelt, wie "eine richtige Mumie".

Er liegt dort nur so rum und wenn man ihn im Urlaub gesehen hat, dann kann man auch darüber erzählen.


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