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Die grosse Wippe

In meiner Kindheit gab es viele, alltägliche Dinge, noch gar nicht oder nicht in der Perfektion wie heute, nehmen wir etwa Spielplätze.

Spielplätze sind heute High-tech-Orte, TÜV-geprüft, permanent mit Argusaugen überwacht von ängstlichen Eltern, die ihre Angst damit an die Kinder weitergeben.
Aus Leipzig.de


Nehmen wir das Beispiel einer einfachen Wippe, hier auf einem Spielplatz in Leipzig. Wir sehen einen einbetonierten Stahlträger in der Mitte, der runde, elegant anzusehende Balken ist drehbar darauf gelagert. Die Griffe sind wiederum aus Metall, ergonomisch geformt. Unklar ist, weshalb die aufsichtsführenden Mütter bisher noch nicht Wirbelsäulen-schonende, auf Stoßdämpfern gelagerte Sitze eingefordert haben. Die Enden schlagen in den Sand, irgendwelche Puffer, bei uns waren es meist alte Reifen, gibt es nicht. Auf bodenbedeckendes Grün haben die Macher verzichtet, möglicherweise der Pflege wegen. Die Wippe ist sehr elegant, aber unpraktisch, der Platz insgesamt sieht schaurig unbelebt aus. Ich wette, ein sozialer Brennpunkt für Kinder ist er nicht. 

Allerdings war die Wippe auch in unserer Kindheit nicht unbedingt begehrt. Funktionell ist sie mit dem ewigen, stupiden "Hoch-und-Runter" schnell ausgereizt. Der eigentliche Sinn als Spielgerät besteht darin, den Gegenüber möglichst hart aufschlagen zu lassen und selbst die Schläge abzufedern.

Später diente die Wippe als sozialer Treffpunkt für uns Heranwachsende, wir saßen wie Hühner auf der Stange und taten die Dinge, die junge Leute eben so tun. Damit war sie schon begehrter. 

Allerdings weiß ich nicht, was junge Leute heute so dort tun würden, wenn überhaupt sie sich dort träfen. Ich vermute, sie würden mit dem Smartphone mit dem/der/denen kommunizieren, der/die auf der anderen Seite sitzen, eventuell noch ein Selfie?

Unser Spielplatz waren die Straßen, wenn wir Glück hatten, gab es einen Hof, auf dem man etwas ruhiger spielen konnte, wenn wir es denn wollten. Das Problem der Straßen war dabei nicht der Verkehr, den gab es in den 50ern praktisch noch gar nicht, sondern die Anwohner, die sich irgendwann beklagten, dass wir zu laut waren. Wir hatten einen Hof, das Problem bestand allerdings darin, dort war man in der Regel allein, wollten wir Kontakt mit anderen Kindern, mussten wir auf die Straßen.

Alles im Leben war neu, war interessant, mußte erkannt werden. Fakten mußten gelernt werden, Wissen erworben. Schon schwieriger war es, die gelernten Dinge dem richtigen Leben zuzuordnen, sie in ihrer Wertigkeit zu verstehen, Grenzen zu erkennen und - noch schwieriger - sie akzeptieren zu lernen.

Mit Grenzen hatte und habe ich so meine Probleme, das Leben hat mich mehrfach schmerzhaft darauf verwiesen.

Über Jahre, Jahrzehnte hatte ich das Gefühl, dass es immer vorwärts ging, ich hatte das Glück, dass meine Vorstellungen vom Leben nicht all zu sehr oder gar final mit dem realen Leben kollidierten. Manchmal habe ich die Grenzen des Machbaren, auch des Aushaltbaren gestreift, auf der anderen Seite irreversibel heruntergefallen bin ich - bisher - noch nicht. Mein Verdienst war es nicht.

Älter werdend, ertappe ich mich immer häufiger dabei, nicht mehr nach vorn, sondern zurück zu sehen.

Mein Leben war eine Wippe, bewegt hat es sich immer, mal hoch mal runter, man muss, wenn man unten ist auch wieder nach oben, total stehengeblieben bin ich zum Glück nie. 

Nur heute, bewegt sie sich viel, viel langsamer, irgendwann wird sie final und ohne Puffer unten aufschlagen, aber auch das wird in Ordnung sein.


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