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Die lieben Freunde in den neuen Livestreams

Ich mache mir alle paar Tage die Mühe und sehe mir die Livestreams von Demonstrationen an, in denen wütende Bürger unseres Landes ihre wie auch immer geartete Ablehnung gegenüber der Politik und den Medien zum Ausdruck bringen. 

Auffällig oft begegnen mir die gleichen Gesichter allen voran der rührige Dresdner Lutz Bachmann, der als Hans Dampf durch alle Protestgassen in Deutschland unterwegs zu sein scheint, eifrig filmt, die Ergebnisse mit kurzen eigenen Einspielungen kommentiert und sehr zeitnah oder oft sogar live im Netz platziert.  

Seine Anrede ist stets die gleiche: "Liebe Freunde ..." - eine geschickte Formulierung, die etwa auch der AfD-Frontmann Björn Höcke gebraucht. Der Begriff "Freunde" ist nicht politisch angehaucht, impliziert keinerlei Ablehnung oder Vorsicht, bezieht alle mit ein, vom Anzugträger, über den Uniformierten bis zum alten Herrn in kurzen Hosen, Sandalen und Tennissocken - es impliziert: 'Du bist einer von uns. Du bist ein Freund, auch wenn ich dir keine Freundschaftsanfrage geschickt habe.'

Dagegen, kein Freund zu sein, hat heute schon etwas Anstößiges, etwas Arrogantes, etwas Abweisendes.

Wir kennen das aus den "sozialen Netzwerken", von denen ich wenig verstehe. 

Ich verfüge über einen mehr oder weniger ruhenden Facebook-Account. Mit Erfahrungen bei Twitter, Instagram, Pinterest kann ich überhaupt nicht dienen. 

Schwer tue ich mich, wenn ich nach gelegentlich Monaten der 'Abwesenheit' bei Facebook 'Freundschaftsanfragen' von Menschen finde, die ich nicht bewußt kenne. Es macht mich unsicher, einfach ablehnen möchte ich nicht, das empfinde ich unhöflich, also reagiere ich in opportunistischer Weise überhaupt nicht, in der vagen Hoffnung: "Vielleicht fällt es mir ja doch noch ein...".  

Übrigens, Björn Höcke ist einer der wenigen Anzugträger, die auf den Protest-Demos auftauchen, auch schon mal mit auffällig roter Krawatte. Da bei ihm sicher nichts unbedacht passiert, wählt er sicher auch die Krawatte nach Kalkül. 

Es fällt auf, dass es in seinen Reden häufig Formulierungen und Inhalte gibt, die man genauso bei anderen Parteien finden könnte, etwa die kritischen Sätze zur sogenannten 'Globalisierung'. Der einzige augenfällige Unterschied besteht nicht selten darin, dass er häufiger als Andere die Begriffe 'Deutschland, national, deutsch, unser Volk' verwendet und dass er regelhaft die nach wie vor ungesteuerte Immigration aufs Korn nimmt. Vielleicht korrespondiert die Farbe der Krawatte mit den jeweiligen Inhalten? 

In den letzten Tagen hat er eine Rede auf dem Erfurter Anger gehalten, diesmal mit roter Krawatte und Inhalten, die - die wirtschaftlichen Aspekte betreffend - genauso auf einer 'linken' Veranstaltung hätten ausgesprochen werden können. 

Auch Björn Höcke verwendet in - gefühlt - jedem 2. Satz die Formulierung: 'Liebe Freunde, ...'. Hier gestehe ich, ist es mir schlichtweg unangenehm so angesprochen zu werden. 

Obwohl ich Höcke nicht persönlich kenne, bin ich doch durch das allgemeine und dauerhafte Trommelfeuer auf und gegen ihn schon entsprechend konditioniert. 

Also, will man über die einschlägigen Demos unterrichtet sein, einfach der Spur der Livestreams und von Bachmann folgen, dann verpaßt man nichts. Zwar muss man muss nicht wissen, was dort vorgetragen wird. Will man aber mit diesen Menschen sprechen, sie wieder in den gesellschaftlichen Dialog einbeziehen, kommt man nicht umhin sich damit zu beschäftigen.

Alles Andere vertieft die gesellschaftliche Polarisierung in unserem Land und einen 'Point of no return' möchte ich diesbezüglich nicht erleben.

Ergänzung:

Ich habe mir heute noch zwei Streams aus Köthen angetan. Wenn ich den Ton mit der ersten Veranstaltung von dort - siehe meinen Eintrag 'Männer in kurzen Hosen'. - vergleiche, ist der Ton unvergleichlich aggressiver, einpeitschender geworden. Die primär Gerechtigkeit und Schutz fordernde Grundstimmung nach dem Tod eines Kötheners ist einer gefährlich wirkenden Aggression gewichen. Ich bin überzeugt, es braucht nicht mehr viel und der Mob beider Seiten wird ungebremst aufeinander prallen.

Wenn eine der Rednerinnen die Meute widerspruchslos begrüßt mit 'Liebe Kameraden, liebe Landsleute, liebe Köthener ....', ja, dann brennt dort die Luft.

Nur ein vernünftiger Dialog kann die Situation wieder entschärfen. 

Nach Chemnitz hatte die Kanzlerin vollmundig versprochen dorthin zu gehen und mit den Menschen zu sprechen. Daraus ist wohl nichts geworden. Ein Umstand der zur Entschärfung der Situation nicht beiträgt, im Gegenteil.

Leute, besinnt Euch! 


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