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Die Hoffnung der Tomatenpflänzchen

Das Wetter geht mir gelinde ausgedrückt auf den Geist.

Nur trüb, trüb, trüb, seit Monaten ganz wenig Sonne, selbst dann meist diesig, es schlägt mir schlichtweg auf's Gemüt.

Morgens habe ich das Gefühl nicht aufstehen zu wollen, tagsüber wenig Motivation, ich hänge durch wie ein Schluck Wasser und erlebe mich freudlos, wahrscheinlich bin ich auch ziemlich unleidig, frage aber lieber meine Frau nicht danach.

Der Blick auf die Wettervorhersage ist alles andere als stimmungsaufhellend und die paar kleinen mickrigen Tomatenpflänzchen, die gerade in ihren Torftöpfen aufgehen, ersetzen mir die Frühlingssonne auch nicht, obwohl, besser als nichts sind sie allemal, kann ich doch ab jetzt jeden Tag das Wachstum kontrollieren, eine neue Aufgabe.


Heute Morgen mußte ich "zum Amt", zum Meldeamt um meine neuen gläsernen Personaldokumente - Personalausweis, genannt Perso, und den digitalen Pass abzuholen, 87,80 € für beide Dokumente, "der Herr gibt, der Staat nimmt".

Mißmutig schlurfe ich vorher noch zur Bank, das Amt akzeptiert keine EC-Karte und keine Kreditkarte, aber das Bargeld wollen sie abschaffen, wahrscheinlich bekommt dann jedes Amt automatischen Zugriff zu den Konten unserer Bürger.

Der Automat ist nicht belegt, ich bekomme mein Geld und als ich die Filiale verlassen will, kommt im Gegenstrom von draußen eine Frau zur Tür. Wir kennen uns, sie hat früher unsere jüngste Tochter im Kindergarten betreut, Tante Jutta. Obwohl die Erzieherinnen im Kindergarten weder mit meiner Frau noch mit mir verwandt sind, hält sich hartnäckig der Begriff "Tante", nun ja.

Die Tür öffnet sich nach innen und irgendwann habe ich einmal gelernt, dass "der Herr der Dame die Tür aufhält", also greife ich flugs zu und reisse die Tür auf. Überraschend ihre Reaktion, sie hat schon die Hand ausgestreckt um die Tür aufzudrücken, nun geht sie von allein auf. Sie will die Tür festhalten, was nicht geht, ich habe sie schon nach innen gezogen. Sie stockt direkt in der Tür, so als wolle sie mich zuerst hinauslassen, was nicht geht, weil ich ihr die Tür aufhalte.

Ich merke, dass diese ganz normale Situation sie irritiert, sie kommt herein, erkennt mich und wie um ihre Unsicherheit zu entschuldigen kommt ihr Kommentar: "Oh danke, das ist man nicht mehr gewohnt." Wir wechseln einige Worte über die Familien und die ehemals lieben Kleinen, die inzwischen alle erwachsen sind, sodass sich das 'ehemals' nur auf die Eigenschaft "klein" bezieht.

Deutschland hat ein großes weites Herz sagt unser Bundespräsident, aber wenn "der Herr der Dame die Tür aufhält" ist diese irritiert.

Bleibt die Hoffnung auf meine winzigen Tomatenpflänzchen um meine Laune zum Strahlen zu bringen und bisher ist es noch in jedem Jahr Frühling geworden.

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