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Café Bonjour oder C’est la vie

Sonntagmorgen, gegen 9.00 Uhr auf der A4 von Westen kommend, kurz vor Erfurt, wenige Kilometer vor der Raststätte Eichelborn Süd macht sich in meinem durch Geschwindigkeit gestreßten Kopf der Gedanke breit, mir vor der Weiterfahrt ein kleines 2. Frühstück zu gönnen.

Der Gedanke setzt sich in irrwitziger Weise in meinem Gehirn fest, nimmt mit jedem weiteren Kilometer konkretere Gestalt an. Diesmal das Frühstück nicht mit eigener Hand vorbereiten, Semmeln nicht selbst aufbacken müssen, Kaffee zubereitet bekommen, ein Orangensaft, vielleicht dazu einen kleinen Obstsalat, ein warmes gekochtes Ei, ein frisch duftendes Croissant - der pure Luxus am Sonntagmorgen auf der A4, kurz nach Erfurt, an der Raststätte Eichelborn.

Dieses märchenhaft klingende Procedere kenne ich gut von einem lokalen Bäckereigeschäft, noch dazu ausgeführt von freundlichen Damen, deren Langmut ich regelhaft bewundere, wenn man 'Mann' wieder an die 5 Minuten braucht, um sich zu entscheiden, ob 'Mann' ein Brötchen mit großen, kleinen oder doch gar keinen Körnern möchte und ob der Kaffee in großer oder kleiner Tasse ausgeschenkt werden soll.   

Hinter der Abfahrt Erfurt-Ost einige Kilometer abfallende Autobahn. Die Meisten fahren hier aberwitzig, um nicht zu sagen irre. Fahrzeuge aller Provenienzen überholen wüst, nur um am Ende des Gefälles in einer langgezogenen Rechtskurve Fracksausen zu bekommen und unmotiviert zu bremsen. Auf jeden Fall gibt es über mehrere hundert Meter ein permanentes und lustiges Aufflackern der Bremslichter auf drei Spuren. Das Ganze ähnelt einer modernen Autobahnsymphonie oder doch eher -kakophonie.

Mein Wunsch nach dem Frühstück wird forciert durch die Hoffnung diesem wüsten Gewürge ohne Blessuren an Blech und Gesundheit entkommen zu können. Noch eine regionale Abfahrt, dahinter wird schon die Ausfahrt zum Rastplatz sichtbar.

Runter vom Gas, abgebogen, etwas unübersichtlich, aber das mag an mir liegen.

Vor dem Gebäude eine freundliche Begrüßung mit dem Logo 'Café bonjour'. Ich bin überrascht, man wünscht mir, schon bevor ich das Gebäude überhaupt nur betrete, bereits einen 'Guten Morgen'. Das verspricht ein gastliches Haus.

Kurz die Toilette gestreift, dazu sollte ich am besten schweigen, wie die Mitarbeiterin, die mit ihrem Kaffeebecher in der rechten und einer Zigarettenpackung samt Feuerzeug in der linken Hand am Eingang zum Männerklo steht und alles mit einem durch nichts zu erschütternden Blick an sich vorbeiziehen läßt. Meinen Gruß läßt sie unbeantwortet, zumal sie in ihrer Muttersprache mit anderen Menschen beschäftigt ist, die offenbar nicht zum Personal gehören. Obwohl, das ältere Ehepaar vor mir hat Probleme mit dem Schrankenautomaten. Sie legt die Zigarettenpackung auf den Kasten, den Kaffeebecher behält sie in der Hand und hilft beim Bezahlen. Wortlos gegenüber den älteren Kunden, durchaus gleichzeitig weiter mit ihren Bekannten schwatzend. So weit, so gut.

Die Toilette erweist sich als gut besucht, u.a. bezeugt durch die reichlichen Spuren vor dem Pissoir und die multiplen Verfärbungen der Becken. Dabei gibt es ein interessantes Phänomen zu bestaunen. Da der Boden vor den Becken großflächig bekleckert ist, teilweise schon eingetrocknet, wählt man automatisch einen größeren Abstand. Aber leider ist nicht jedem die Fähigkeit gegeben aus rund einem Meter zielgenau das Becken zu treffen. Manchmal reicht der Druck nicht mehr oder es fehlt einfach Zielwasser. Ein alter Herr neben mir versucht, mit schier verzweifelter Mine auf den Zehenspitzen stehend von der Seite "um die Kurve" zu treffen. Es gelingt ihm nicht. Zum Glück stehe ich auf der anderen Seite ...

Auf jeden Fall nimmt mit jedem neuen Versuch die Schweinerei vor den Zielobjekten unweigerlich zu. Nun gut, wen es nicht stört .... Irgendwie erwarte ich in einer der vielen Ecken die "Versteckte Kamera", finde sie aber nicht.

Das Restaurant, Cafè bonjour, der Speisentresen ist bereits sehr gut gefüllt, Bratkartoffeln,  Gesottenes und Gebratenes jeder Art, wenig oder nichts deutet gegen 9.00 Uhr am Sonntagmorgen auf ein köstliches oder gar liebevolles  Frühstück hin. 

Die Schlange vor dem Tresen hält sich im Rahmen: kein Gast. Meine suchenden Blicke nach einem Frühstücksangebot werden plötzlich durch eine harsche Stimme unterbrochen, "Bestellen müssen Sie bei mir". Eine Stimme aus dem Off, eine klare Ansage, ohne das sonst übliche sinnlose Geplauder von 'Guten Morgen' und ähnlich zeitraubenden Plattitüden. Obwohl, der Laden ist leer, Zeit dazu wäre gut gewesen.

Unsicher geworden, einerseits ob des nicht ersichtlichen Frühstücksangebots und andererseits ob der strengen und dabei ursprünglich doch weiblichen Stimme, versuche ich mein Anliegen zu formulieren, ernte ein Kopfschütteln und die Ansage: "Das habe ich jetzt nicht verstanden." Die Situation erinnert mich an meine Lehrerin in der Grundschule, Frau Werneburg selig, 1. Klasse, wenn ich wieder einmal die Hausaufgaben vergessen hatte. Nur das inzwischen über 60 Jahre vergangen sind.

Ich wage einen Blick auf die Frau hinter der Stimme, obwohl ich weiss, dass sich dies heutzutage nicht mehr schickt. 

Eine Dame in mittleren Jahren, gut beieinander, bei einem Mann würde man es stattlich nennen. Die Kleidung etwas zu körperbetont, was aber möglicherweise eher an der Kleidung, als an der Körperfülle liegt. Irgendjemand hat das Shirt und den Rock wohl 2-3 Nummern zu klein gewählt. Ein tiefes Dekolleté und meine maskulinen Widerstandsgeister werden geweckt, als ich sehe wie die Schwerkraft dort Schindluder treibt.

Mühsam bekomme ich die Bestellung zusammen: Ein Brötchen, etwas Butter, etwas Honig, ein Espresso, eine Tasse Kaffee. Vielleicht noch ein einfaches Croissant, nicht beschmiert und nicht gefüllt. Die Stimme weist mich zurecht: 'Das ist ein Butterhörnchen'. Ich stehe zumindest gedanklich stramm: 'Jawoll, ich will ein Butterhörnchen!' Nach den anderen himmlischen Visionen wage ich gar nicht mehr zu fragen.

Ich bekomme einen Espresso, natürlich ohne ein Glas Wasser, ein anämisch aussehendes Brötchen, eine kleine Plastikpackung mit Honig, eine kleine Butter, ein Butterhörnchen mit Zucker bestreut. Meine Bemerkung, dass ich doch ein Croissant 'ohne alles' gewollt hätte, wird immerhin mit einem nonverbalen Schulterzucken quittiert. 

Ich bezahle, die Dame dreht sich schon weg, offenbar warten andere, mir unsichtbare Gäste. Von meiner Bestellung fehlt noch die Tasse Kaffee, vorsichtig frage ich nach und bekomme eine volle Breitseite. "Die Kaffeemaschine ist kaputt, den Kaffee habe ich nicht berechnet. Wenn Sie Kaffee wollen, müssen Sie zum Kollegen dort drüben gehen." 

Bruch, ich glaube einen Schlag auf die vorlaute Klappe zu verspüren. Ich fühle mich wie ein Bettseicher, der noch dazu neben das Becken gepinkelt hat.

Dann stört es zum Glück auch nicht mehr, dass der künstliche Tischschmuck verstaubt, das Ambiente ausgesprochen lieblos und die Tischplatte verkrümelt und mit einem leichten Film überzogen ist.

Möglicherweise haben hier schon andere, verunsicherte 'Gäste' als 'nonverbalen Protest' ihre Spuren hinterlassen. Ich nehme mir gehässig innerlich vor, meinen eventuellen Krümel auch nicht vom Tisch zu wischen.

Übrigens, der "Kollege dort drüben" ist ausgesprochen freundlich und quittiert meine vorsichtige Bemerkung über die mutmaßlich unfreundliche Dame mit einem breiten Grinsen und einem Schulterzucken. Dabei achtet er streng darauf, dass sie im Hintergrund lauernd seine Mimik nicht sehen kann.

Kurz darauf ist die Dame verschwunden, als sie einige Minuten später durch zwei neue Gäste mit Klopfen auf den Tresen animiert wird, erklärt sie ihnen ärgerlich, dass sie in der Küche dienstliche Gespräche zu führen hätte. Sie sollen doch nicht denken, dass es immer privat sei, wenn sie mal nicht am Tresen ist.

Ich bin froh, dass nicht nur ich das Zielobjekt ihres Unmuts bin, es scheint im Preis inbegriffen zu sein.















Die Flucht durch den Hintereingang, die Glücksgefühle sind verflogen und aus einem mir nicht nachvollziehbaren Grund fällt mir ein altes Weihnachtslied ein: "Vorfreude, schönste Freude, ...". 

Ich nehme mir gedanklich vor, bei Gelegenheit das Trinkgeld für das Frühstück und die exzellente Bedienung im lokalen Bäckereigeschäft großzügiger zu dimensionieren, zumal sich die Preise für ein dort wirklich gutes Frühstück etwa im gleichen Level bewegen.

Ein Vorschlag an die Verwaltung der Raststätte Eichelborn Süd, Richtung Ost, vielleicht könnte man das farbenfrohe 'Bonjour" über der Tür ersetzen durch ein graues C’est la vie? Dann passt es schon wieder.


So ist eben das Leben, man bekommt selten genau das, was man will.

Wenn 'Mann' das vorher weiß, ist doch alles in Ordnung oder fährt eben vorbei.

PS: Zum Bild passt, das auch die Kontaktdaten im Netz fehlerhaft sind, Feedback nicht erwünscht?


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